Bericht zur Deutschen
Schnellschachmeisterschaft in Kiel
19.-20.09.2009
Aber dann überwog doch die Einsicht, dass ich diese Chance wahrscheinlich nur
ein einziges Mal im Leben
bekommen würde und so machte ich mich auf den Weg zum anderen Ende der
Republik, knapp 1000 km entfernt.
Das Wetter in Kiel war klasse, 22 Grad und Sonnenschein,
was will man mehr. Ist schon komisch, wenn mitten in
einer Stadt riesige Fährschiffe liegen, die höher sind als alle Häuser und
die ab und an ihr Signalhorn ertönen lassen,
bei uns hört man höchstens Kirchenglocken. Ich checkte zuerst im Hotel ein,
leider muss man sagen, dass dies zwar
sehr zentral in der Fußgängerzone lag, aber seine besten Tage schon hinter
sich hatte. Die meisten Spieler waren
davon nicht besonders angetan. Hat wirklich einer der Verantwortlichen sich
vorher mal dieses Hotel angeschaut?
Zurück zum Schach: Das Spiellokal war ganz o.k, vor allem
dass man direkt aus dem Spielsaal auf eine riesige
Terrasse heraustrat und das Gesicht in die Sonne strecken konnte, hatte fast
etwas von Urlaub. Aber nur fast,
Schach wurde ja auch gespielt und dies war alles andere als Urlaub. Bei dem
Teilnehmerfeld hielt ich es mit
dem olympischen Gedanken, dabei sein ist alles - und Letzter wollte ich natürlich
auf gar keinen Fall werden,
aber mit ELO 2098 als Vorletzter gesetzt war die Luft dünn.
Tag 1:
Nach der Begrüßung ging es gleich zur Sache im neuen
Modus, 20 min plus 10 sec war die Bedenkzeit. Mein Gegner
FM Ackermann (2311) spielte erwartet stark, aber ich konnte mich mit ein paar
guten Zügen befreien und er verlor auf
Zeit! In der anschließenden Analyse wollte er mir zeigen, wie einfach er hätte
gewinnen können, aber ich hatte einen Zug
weitergerechnet und er wäre auch so verloren gewesen. Super Start, auch Hajo
Vatter, der zweite Vertreter Badens
beglückwünschte mich. Die Runde zwei brachte mit GM Baradmize (2532) gleich
einen Favoriten. Ich hielt mit Schwarz
voll dagegen, mit knapper werdender Bedenkzeit gewann er irgendwann doch. Nach
der Partie bestätigte er mir, dass er
sich nicht besonders wohl gefühlt habe in der Partie und sein Aufbau nicht toll
war. Das hatte ich auch bemerkt, aber
zwischen gut stehen und gewinnen ist eben ein Unterschied. Ganz leidvoll musste
ich dies in Runde drei erfahren gegen
Kabisch (2334), dem ich in der Eröffnung mit Weiß einen Bauern vierzügig
abschraubte und anschließend in klar besserer
Stellung den Faden verlor. Das war bitter, Kabisch entschuldigte sich hinterher,
aber für die eigene Dummheit kann ja der
Gegner nichts. Danach mit Schwarz gegen Höffer (2256) ein gleiches Endspiel mit
Dame und Läufer unnötig verloren und
zur Belohnung mit 1 aus 4 noch eine schwungvolle Angriffspartie gegen IM Spieß
(2427) couragiert gespielt, aber einen
Springer auf dem falschen Feld geopfert und aus war es. Spieß sagte mit
hinterher, er sei auch schon weich, ich war es auch,
aber dann hast du in einem solchen Feld nichts zu lachen. In Runde 6 verlor ich
gegen FM Kesik (2230) mit Schwarz, der
auch in der Eröffnung Müll gurkte, aber ich gewann einfach nicht. So steht man
am Ende des Tages trotz vieler anständiger
Partien mit 1 aus 6 da, nichts für schwache Nerven.
Tag 2:
Die Devise war, Punkte müssen her, ich mach hier nicht den
letzten Platz. Das Duell gegen meinen Namensvetter Schmidt (2184)
entschied er für sich und danach bekam ich mit Olzem (2146) wahrscheinlich
meine letzte Chance auf einen Punkt. Und diese
nutzte ich mit Weiß und nahm ihn schön auseinander. Damit war die rote Laterne
weg und ich war wieder etwas entspannter.
Gegen Frotscher (2217) und gegen Voelzke (2207) verlor ich, wobei gerade die
letztere Partie meine wahrscheinlich
schlechteste des Turnieres war, mein Eröffnungsexperiment mit Weiß widerlegte
Voelzke auf jeden Fall schön. Zum
Schluss spielte ich mit Weiß gegen FM Kleeschätzky (2350) sicher Remis, evtl.
stand ich etwas besser, aber ich musste
auf den Zug.
Fazit:
Mit 2,5 aus 11 gegen einen Schnitt von ELO 2290 habe ich
mich sicherlich nicht mit Ruhm bekleckert, aber auch nicht versagt,
dies war ein schweres Feld, aber ganz realistisch hätte ich 4 bis 5 Punkte
machen können. Mit meinem Ergebnis belegte ich
den 30. Platz, und mein Ziel, dabei sein ist alles und werde nicht Letzter, habe
ich somit erfüllt. Gerne darf zur nächsten
Deutschen jemand anderes fahren, oder ich versuch es eventuell doch noch mal!?
Jens-Uwe Schmidt